An'er Edder

Die Eder, im nordhessischen Dialekt bis heute noch Edder genannt, ist ein größtenteils naturbelassener Fluss mitten in Deutschland.

Sie kann an vielen Stellen mit Gummistiefeln durchquert werden, an anderen kann sie unter bestimmten Bedingungen bis zu 42 Meter tief werden. An ihrer Quelle im Rothaargebirge ist sie nur wenige Zentimeter breit und nimmt auf 176,1 Kilometern das Wasser vieler umliegender Bäche und kleiner Flüsse auf. In der Edertalsperre wird es in gewaltigen Massen gestaut, um die Schiffbarkeit der Oberweser und des Mittellandkanals zu gewährleisten.

Die um den Edersee herum entstandene Landschaft ist Nordhessens größtes Naherholungsgebiet und zieht jährlich tausende Besucher an. Nach dem Motto wild, bunt, gesund werden hier idyllische Aus-blicke, die das Herz verzaubern, versprochen und erfolgreich touristisch vermarktet. Dieser Slogan kann auf den gesamten Fluss und dessen nahe Umgebung übertragen werden. Entlang des Flusslaufes folgen ländlich geprägte und dünn besiedelte Ortschaften aufein-ander, welche meist von „ursprünglicher" Natur umgeben sind. Das gesamte Gebiet ist durch Rad- und Wanderwege für den Fremdenverkehr erschlossen.

Zwischen Frühling 2021 und Herbst 2022 habe ich diese Landschaften fotografisch dokumentiert. Um eine Nähe zur Region und deren Kultur spüren zu können, unternahm ich zu allen Jahreszeiten ein- oder mehrtägige Radtouren. Übernachtet wurde dabei direkt in der Natur. Was mit ersten Erkundungen begann, entwickelte sich zu einer intensiven und dauerhaften Erforschung der Region.

Meine fotografische Herangehensweise hierbei war: Der Weg ist das Ziel und die analogen Aufnahmen entstanden dabei immer aus intuitiven Wahrnehmungen heraus.

Der Blick durch den Sucher fängt eine weitläufige Natur, ihre funktionelle Nutzung und das heutige Leben in dieser ein. Der Fluss selbst tritt bei den meisten Bildern in den Hintergrund, bleibt aber der gedachte Leitfaden des Projekts. Durch den ort- und zeitlosen Charakter vieler Abbildungen werden teils unwirklich anmutende Landschaften zu austauschbaren Kulissen. Nicht Ortskundige können leicht vergessen, sich noch im Herzen Deutschlands zu befinden.

In etlichen der für dieses Buch ausgewählten Fotografien finden sich Menschen wieder. Mit vielen habe ich mich über das Projekt und das Leben am Fluss unterhalten, ein paar von ihnen konnte ich nach dem Gespräch porträtieren. Andere hingegen sind kleine Punkte oder bloße Statist*innen im Bildraum - und verwandeln sich in erzählerische und kompositorische Bildelemente. Dies gilt ebenso für Pflanzen und Tiere.

Durch ihre Sachlichkeit mögen sich die Fotografien in diesem Buch als eine künstlerische Feldstudie betrachten lassen, gleichzeitig können und sollen sie aber auch zu persönlichen Assoziationen und Abschweifungen anregen. Von Bild zu Bild blättern, Strom auf-nehmen, sich treiben und die Gedanken fließen lassen...